Was ist eigentlich gerade los in … Indien?

Gemeinderätin Theresa als Auslandskorrespondentin aus der größten Demokratie der Welt

„Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen“ (aus dem Song „Darling Boy“ von John Lennon). Das dürfte im Jahr 2020 für viele gelten. Meine Familie ist keine Ausnahme. Nach dem Weihnachtsurlaub bei meinen Eltern in Kerala / Südindien ist mein Mann in der zweiten Januarhälfte schon mal nach Hermsdorf zurückgeflogen – ich wollte 8 Wochen später mit unseren Zwillingen nachkommen, und zwar nach einem Besuch des von GIPP e.V. unterstützten Projektes in Assam. Unterdessen genossen wir die sommerlichen Temperaturen in Südindien, die kleine Farm mit Kühen, Ziegen, Hausschweinen – der Streichelzoo für die Familien, die auf die Farm meiner Eltern als Reisegäste kommen. Und dann kam Corona …

Die Reise nach Assam wurde abgesagt. Aber wir waren optimistisch und haben auf ein baldiges Ende der Corona-Welle gesetzt. Dann wollten wir uns in den Flieger nach Berlin setzen. Das war der Plan. Pläne eben. So kam es, dass mein Mann nun ziemlich viel Zeit für kreative Projekte hat. Und ich konnte aus nächster Nähe verfolgen, wie Indien mit Corona umgeht. Aber ich will nicht nur über Corona berichten.

[Exkurs: Indien gibt’s gar nicht. Genauso wenig wie es die Sprache „Indisch“. Es ist ein (Sub)Kontinent mit einer bunten Vielfalt an Kulturen. Vergleichbar mit Europa – von Finnland bis Italien. Indien hat 36 Bundesstaaten. Offiziell hat Indien 22 amtlich eingetragene Sprachen und nicht-offiziell gibt es sogar fast 20 000 (!) Sprachen & Dialekte. Es gibt ja auch fast 1,4 Milliarden Menschen hier. ]  

Natürlich muss man ein, zwei Takte zu Corona sagen. Indien gehört zu den Ländern, das sehr früh sehr restriktive Maßnahmen eingeführt hat. Gleichzeitig gehört es zu den Ländern, wo wirtschaftspolitische Stützungsmaßnahmen sehr gering ausfielen. So war es keine Überraschung, dass die Wirtschaftsleistung massiv eingebrochen und die Arbeitslosigkeit steil angestiegen ist. Bundesstaaten mit einer vergleichsweise guten wirtschaftlichen Situation (wie Kerala) konnten es sich leisten, Benachteiligte während des Lockdowns mit Mahlzeiten zu versorgen. Das gilt so nicht für ärmere Bundesstaaten, vor allem im Norden Indiens.

[Exkurs: Kerala in Südindien ist das Land der Kokosnüsse. Es hat eine lange Küstenregion, Sandstrand, Backwaters, tropische Regenwälder und die Westghats, eine Gebirgskette, die bis zu 2000 Metern erreicht. Und. Kerala ist eines der reicheren und gebildeten Bundesstaaten: 98% Alphabetisierungsrate. Hohe Lebenserwartung. Die Bevölkerung: ca. 20% christlich, 25% islamisch und 55% hinduistisch.]

Im Bundesstaat Kerala hat das Schulsystem bemerkenswert flexibel auf die neue Situation reagiert. Lehrer kommunizieren vielfach mit Schülern per Mobiltelefon; sie nehmen sich beim Erklären des Stoffes live auf und die Schüler sind aktiv dabei. Auch das Fernsehen wurde für den staatlichen Unterricht eingesetzt. Dieser Unterricht ist für alle Haushalte kostenlos erhältlich für Schüler aller Klassen. Der Unterricht via Fernseher war eine große Erleichterung für die Familien, somit konnten die Eltern (zumeist die Mütter) ihren haushälterischen Tätigkeiten nachgehen und dabei den Überblick darüber behalten, ob das Kind beim Unterricht teilnimmt.

[Exkurs: Auf Bildung wird großen Wert gelegt, besonders im Süden. Das erste Schreiben wird von allen Religionen besonders zeremoniell gefeiert. Es gibt eine feierliche Zeremonie mit dem ältesten Familienmitglied, einer Lehrerin /einem Lehrer oder einem Priester. Das ca. 3-jährige Kind malt mit Hilfe des Erwachsenen den ersten Buchstaben in Sand oder Reis. ‚A‘ , für den Anfang des Lernens und ein Segenswunsch wird gesprochen. Üblicherweise findest dies Ende Oktober statt – beim 10-tägigen Fest wird der Sieg vom Guten über das Böse gefeiert.]

Ich bin zuversichtlich, dass das Land Indien auch die Verwüstungen der Corona-Krise überwinden wird. Aber wir machen es uns nicht leicht: Nationalistische Tendenzen wachsen Weltweit. Und so musste ich mitverfolgen, wie in den letzten Monaten das Hindu-nationalistisches Programm weiter umgesetzt wurde. Internationalen NGOs wird die Tätigkeit in Indien erschwert. Leider. Der irrationale nationalistische Stolz verursacht Leid. Nach Corona ist das Wirken von Organisationen wie GIPP e.V. noch wichtiger denn je. Und es ist toll, dass die Programme inmitten all dieser Tumulte weiter umgesetzt wurden. Und ich freue mich, wenn wir das im nächsten Jahr mit neuem Schwung weiterverfolgen können!

Loka samastha sukino bhavanthu – Der ganzen Welt soll es wohlergehen

Eure Theresa